knopfsteinpflaster
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Lenas Geschichte

Im wahrsten Sinne des Wortes schreiben unsere Motive Geschichte.
Unsere Geschichte heißt "Lenas Knopfsuche" und wird mit jeder Kollektion weitergeführt!

Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen dieser einzigartigen Geschichte

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Lena's Knopfsuche

Überall pieksten sie mich...überall...ich konnte nichts mehr sehen.
Ich musste ausweichen. Ich hatte Angst. Würden sie mir die Augen zerstechen? Der prasselnde Regen betäubte meine Ohren. Ich fühlte mich in die Enge getrieben. Gefangen. Ich war auch gefangen: zwischen endlos vielen Regenschirmen und trotzdem pitschnass. Der Gegenstand zum Schutz vor Nässe erwies sich gerade eher als Feind und die Träger dieser unerbittlichen Monstergegenstände waren grau, grau, grau, schlecht gelaunt und grau. Ich kam mir so furchtbar verloren vor – in meinem kurzen T-Shirt. In meinen hellen Jeans und meinen bunten Sneakern. Natürlich waren all diese grießgrämigen Menschen wieder schlauer als ich gewesen und hatten den Wetterbericht gehört: Ein anhaltendes Kältetief mit Regen vertreibt die letzten Sonnenstrahlen des goldenen Herbst. Winterstimmung hält Einzug im Lande. Es war immer so: entweder ich zog mich zu warm oder zu kalt an.

Autsch...ein unangenehmer Piekser von einem Schirmausläufer riss mich aus meinen Gedanken. „Rush hour“ konnte man das wohl nennen: alle Leute rennen – als ginge es um ihr Leben – zum Bus um den Nachhauseweg anzutreten. Und wohin? In ihr Musterhaus oder ihre Musterwohnung mit dem langweiligen Max Mustermann Klingelschild. Aber wieso musste dieses Leben, diese Welt so furchtbar trist sein – wieso gab es so viel grau und schwarz und nicht mehr bunte Farbenkleckse? Schon alleine diese Auswahl an Schirmen, alle sahen sie aus wie lieblose Werbegeschenke. In dunkelblau, grau und schwarz. Hätte ich doch bloß mein Prachtstück mitgenommen: Knallrot mit vielen Punkten und bunten Knöpfen drauf. Ich musste aus der Reihe tanzen. Das tat ich schon als Kind – damals habe ich Knöpfe gesammelt. Auch die Knöpfe, die in der Kleiderabteilung von unserem Kaufhaus noch an der Kleidung hingen. Viel Ärger habe ich mir damit eingehandelt, aber auch viel Freude – meine Knopfsammlung ist immer noch mein Heiligtum. Und daraus habe ich auch etwas gemacht, etwas – das könnt ihr euch nicht vorstellen – ich habe...“AUA!“ mir schossen Tränen in die Augen. Aus Schmerz und auch aus Wut.

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So eine dämliche Schirmspitze hatte mich ins Auge gepiekst. „Boar! Dir kratze ich die Augen aus!“ wütete ich. Als ich meinen Blick aufrichtete, strahlte mich ein attraktiver Junge an. Ich korrigiere: Mann. Schließlich schien er in meinem Alter zu sein. Er hatte – es war so klar: ein graues T-Shirt an...aber seine Augen strahlten – sie waren stahlblau und als ich sein Gesicht noch weiter unter die Lupe nahm, entdeckte ich etwas, was mich noch viel mehr erfreute: Froschgrüne Kopfhörer! Wenigstens etwas Sonnenschein an diesem Tag. In meiner Phantasie tanzten die Noten zu seiner Musik und rankten sich um mich und ihn. Doch auch die Realität war nicht ernüchternd. Denn es schien ihm wirklich leid zu tun und er wollte mich auf einen Kaffee einladen: Aber so leicht ließ ich mich nicht um den Finger wickeln. Mal so auf nen Kaffee einladen, kam da gar nicht in die Tüte. Ich antwortete: „Besorg mir einen besonderen Knopf und dann überlege ich es mir.“ Der Blick von ihm, das konnte ich mir denken. Unkonventionalität war ja nicht gerade eine Tugend in der heutigen grauen Gesellschaft. Er schaute mich an, als hätte ihn ein Pferd getreten, aber seine Sommersprossen waren trotzdem süß...ach quatsch...so was Sentimentales, so bin ich doch gar nicht. Doch als sich sein Blick klärte, folgte gleich die unerwartete Antwort: „Okay.“ Und das ohne wenn und aber. Ich war überrascht. „Gehen wir gleich auf Knopfsuche?“ fragte er. „Äähhh...Ooo..kay.“ stammelte ich. Dann spannte er seinen Schirm auf – er war knallrot – und wir kämpften uns durch die langweilige Masse.

Bewaffnet mit einer kindlichen Mission, die uns zwischen all den langen Gesichtern strahlen ließ. Tatsächlich schien dieser Mann zu wissen, was er wollte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er lief ohne Umwege auf den großen Stadtpark zu. Einen meiner Lieblingsplätze, hier konnte ich stundenlang sitzen, unter den verschnörkelten Eichen und Bücher lesen. Bücher, die mich in andere Welten führten, Welten die bunt und kreativ waren. Jetzt machte der Park jedoch einen eher trostlosen Eindruck: von den Ästen der uralten Bäume tropfte der Regen, ihre Blätter lagen auf der vom Nass durchtränkten, matschigen Wiese – die nicht annähernd so duftend grün und weich war wie im Sommer. Aber Moment: Wieso gingen wir im Park auf Knopfsuche? Nicht dass ich es hier mit einem verrückten Irren zu tun hatte, der mich...oh Gott... „Stopp!“ sagte ich bestimmt. „Was wollen wir hier?“ „Ich hatte heute einen seltsamen Tag.“ antwortete er mir. Was war das denn für eine Antwort auf meine Frage? „Ich habe heute an dieser Stelle...“ wir befanden uns in dem Rondell des Parks. „…einen Knopf gefunden.“ Er zog einen durchsichtigen Knopf mit goldener Inschrift aus seiner Hosentasche. Der Knopf zog mich in seinen Bann. Er erinnerte mich an etwas. An etwas Schönes. Doch was war es? „Komm mit.“ sagte ich zu ihm. „Aber willst du nicht meine Geschichte zu Ende hören?“ fragte er mich völlig aus dem Konzept gebracht. „Ich glaube ich habe auch eine Geschichte zu diesem Knopf.“ antwortete ich.“...in meinem Laden. Dort ist es warm. Dort gibt es Kaffee und eine gemütliche Couch. Ich glaube, wir müssen uns über etwas unterhalten.“ Ich wusste jetzt, woran mich dieser Knopf erinnerte. Aber das war nicht der richtige Ort. „Okay.“ meinte er. Dieser Mann war wirklich unkompliziert.

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So machten wir uns auf den Weg und stiegen in den nächsten Bus – zum Glück hatte das Gedränge aufgehört. Es war seltsam: ich saß neben einer Person, dessen Namen ich nicht einmal kannte und der mir doch so seltsam vertraut war. Doch anstatt nach seinem Namen oder irgendetwas Persönlichem zu fragen, forderte ich ihn auf mir den Knopf zu geben. Ich kramte mein buntes Nadelkissen aus der Tasche und nähte den Knopf an den unteren Rand meines T-Shirts. Er saß neben mir ohne Fragen zu stellen, als wüsste er, dass ich schon seit meiner Kindheit Knöpfe sammle und sofort an meine Shirts nähe. Im Gegensatz zu den grauen Mustermenschen, die mich fassungslos im Bus anstarrten. Wer hat auch schon ein Nadelkissen mit Schleifen und kunterbunten Nadeln bei sich? Und wer näht mitten im Bus bunte Knöpfe an sein Shirt? Ich. Ich war etwas Besonderes. Mit meiner Leidenschaft für Knöpfe hatte ich einen herrlichen Platz zum Verweilen und Wohlfühlen geschaffen: Das Knopfsteinpflaster. Einen Laden voller Leben und Kreativität. Einen Laden für unkonventionelle Kleidung, Träume und Wünsche. Mehr als ein Geschäft. Wie er wohl darauf reagieren würde? Ich hatte ihm einiges zu erzählen…

Das Knopfsteinpflaster: Die Tür zu einer anderen Welt

Wir stiegen aus dem Bus und machten uns auf den Weg in die Altstadt. Es ist ein wirklich schöner Stadtkern, der Harmonie und Romantik versprüht. Die Gassen sind sehr schmal, aber eben deshalb gemütlich. Die alten und auch etwas krummen Fachwerkhäuser säumen die Gassen und durch die vielen Blumenkästen an den Fenstern und den Efeu an einigen Fassaden, hat man das Gefühl man schlendert durch eine mediterrane Stadt. Selbst jetzt bei prasselndem Regen, vermochten die pastelgelben Hausfassaden einen Hauch von Sommer zu zaubern. Hier in der Altstadt kam ich mir in meinen Flip Flops und meinem Sommerlook nicht mehr so verloren vor. Denn hier war ich zu Hause – nur noch zwei Häuserecken und das Knopfsteinpflaster war zu sehen.

schluessel

Die Tür zu meinem Laden ist aus altem Holz und hat verschnörkelte Blumen und Blätter als Muster. Leider war in dem Zeitalter aus dem die Tür stammen musste, keiner auf die Idee gekommen in das Holz Knöpfe zu schnitzen. Wie oft habe ich schon vor dieser Tür gestanden, meine Augen zusammengekniffen und mir vorgestellt, die Blumenranke wäre eine Knopfranke. Mit besonderen Knöpfen natürlich – mit Knöpfen voller Phantasie. „Willst du nicht den Schlüssel in das Schlüsselloch stecken?“ die Stimme des Unbekannten riss mich aus meinen Erinnerungen. Es war furchtbar, ich war wohl die gedankenverlorenste, verträumteste Person die es überhaupt gab. „Klar, tut mir leid.“ antwortete ich verlegen. Immerhin hatte ich es geschafft den Schlüsselbund aus der Tasche zu kramen, aber ich wollte gar nicht wissen wie lange ich schon mit dem Schlüssel kurz vor dem Schlüsselloch gestanden hatte.

Als ich den Schlüssel rumdrehte, klimperten die vielen Knöpfe an meinem Schlüsselbund. Wie ich es liebte diese Tür zu öffnen. Ich zelebriere diesen Moment jedes Mal und lasse mir Zeit dafür. Schließlich gilt es meine Welt zu betreten und den Alltag hinter sich zu lassen. Solche Momente sollte man nicht an sich vorbei ziehen lassen, sondern in vollen Zügen genießen. Sobald die Tür zu meinem unkonventionellen Reich geöffnet ist, kommt einem ein wohlig warmer Kaffeeduft vermischt mit dem Geruch von Holz und Lavendel entgegen. Eine Mischung die sich vielleicht ungewöhnlich anhört, aber meine Sinne jedesmal angenehm benebelt. Es riecht einfach nach zu Hause und nach vielen langen Gesprächen, nach lautem Lachen und spannenden Geschichten – alles Dinge, die ich meiner liebenswürdigen Kundschaft zu verdanken habe.

Mein Begleiter schien von dem Anblick meines Ladens völlig erschlagen zu sein. Er machte riesige Augen und sein Mund stand offen. Eine Reaktion, die ich schon manchmal erlebt hatte. „Alles klar?“ fragte ich trotzdem nach. Stille. „Hallo...alles klar? Hörst du mich?“ Er schüttelte den Kopf, um sich aus seiner Betäubung zu lösen: „Ja, alles in Ordnung. Aber wo sind wir hier? Das ist doch eine andere Welt.“ Damit hatte er völlig Recht und seine Feststellung erfüllte mich mit Stolz – denn es war tatsächlich eine andere Welt: meine Welt.

Krone

Überall standen alte Möbel, die ich selbst aufpoliert hatte. Eine anstrengende Arbeit, die mich viele Nächte gekostet hat. Dafür erstrahlt das Eichenholz nun in einem satten, glänzenden Braun. Die Polster meiner Couch und meiner Stühle sind rot. In einem majestätischen, kräftigen Dunkelrot, so wie man sich die Farbe der Thronsessel der Könige und Kaiser vergangener Tage vorstellt. Ein kleiner Tisch und meine Couch gleich rechts beim Eingang luden zum Verweilen ein. Dort hatte ich vor drei Stunden mit meiner Freundin Marie einen Kaffee getrunken.

Die zwei flachen Kaffeetassen aus altem Porzellan standen immer noch da. Auf dem Keksteller in der Mitte lagen nur noch Krümel – die waren ja auch köstlich gewesen und selbstgebacken von Maries Lieblings-Oma, mit einem Himbeermarmeladenklecks in der Mitte.

Außerdem standen in meinem Laden drei uralte Schränke, deren Verzierungen mit dem Stuck an der Wanddecke harmonierten. Die Schranktüren standen offen, so dass man die von mir selbst geschneiderten Kleider sehen konnte. Langweilige Metallkleiderständer und sterile weiße Regale, wie sie für Kaufhäuser üblich waren, konnte man bei mir nicht finden. Eines meiner absoluten Lieblingsteile hing dekorativ an der offen stehenden Schranktür. Es war ein sportliches T-Shirt, verziert mit einer Pusteblume.

Blumenwiese

Das sind meine Lieblingsblumen, ich liebe es über Frühlings- und Sommerwiesen zu spazieren und die kleinen Schirmchen durch die Luft fliegen zu lassen. Das erinnert mich an meine Kindheit und erfüllt mich mit kribbelnder Freude in meinem Bauch. Alle Motive meiner Kleidungsstücke sollen die Erinnerung an etwas Besonderes wecken, an Kleinigkeiten die das Leben so lebenswert machen – denn nur so entstehen Lieblingskleidungsstücke. Deswegen setze ich mich oft mit meinen Kunden gemeinsam auf die gemütliche Couch, um zu besprechen wie ihr Kleidungsstück aussehen soll, damit den Stoffen Leben eingehaucht wird.

Außerdem soll sich jeder Mensch bei mir wie eine Prinzessin oder ein Prinz fühlen. Deswegen habe ich auf den alten, rustikalen Holzdielen des Knopfsteinpflasters einen rubinroten Teppich ausgerollt, der direkt zu einem großen Spiegel führt. Der Spiegel ist umrahmt mit goldenen Schnörkeln und jeder darf sich hier im Mittelpunkt des Geschehens fühlen, auch wenn er oder sie im Alltag eher ein grauer Muster-Mensch ist. Denn jeder Mensch ist wertvoll und egal wie verwirrt und ungeduldig wir Menschen manchmal sind, egal wie schlecht gelaunt und vom Alltag gestresst, man sollte nie vergessen, dass man einmalig ist. Vergisst man das, verliert man auch einen Teil von sich selbst und fühlt sich wie ein gefangener Vogel in einem goldenen Käfig. Manchmal reichen schon kleine, zauberhafte Momente, um die Käfigtür aufzustoßen und der Welt sein eigenes, fröhliches Lied zu singen. Leider vergessen das die meisten Muster-Menschen und bleiben lieber in ihrer grauen Muster-Realität gefangen, verlieren ihre Einmaligkeit und die Möglichkeit nach den Sternen zu greifen.

tape

Apropos Realität. Da stand doch immer noch der Junge ohne Namen, vor lauter Tagträumerei hatte ich ihn wieder ganz vergessen. „Soll ich uns einen Kaffe kochen und eine Kassette einlegen?“ fragte ich. „Eine Kassette?“ kam erstaunt zurück. „Gibt es so was heute noch?“ „In meiner Welt schon.“ entgegnete ich. „Wieso in deiner Welt? Es gibt nur die eine Welt- die Realität.“ Oh nein, da war es wieder – dieses verhasste Unwort REALITÄT. Konnte man denn nicht einfach die Tür schließen und wenigstens in der eigenen Welt die Realität hinter sich lassen?

„Hast du Phantasie?“ hakte ich nach. „Was ist das für eine Gegenantwort?“ Bei dieser Entgegnung sah ich es – das Klitzern in seinen Augen war verschwunden. Der Junge wurde zu einem tristen Herrn Mustermann. Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, mit der er mich noch vor wenigen Minuten im Bus hatte nähen lassen, war plötzlich fort – blitzschnell verschwunden wie die kleinen Schirmchen einer Pusteblume im Himmel. Auch ihn hatte sie also eingeholt: Die Realität. Trotzdem spürte ich, dass die Hoffnung nicht verloren war...ich hatte es bei unserer Begegnung in seinen Augen gesehen und er hatte mir immer noch nicht seine Geschichte erzählt und ich ihm nicht die meine.

Dabei wusste ich, dass diese Geschichte die Brücke zu seiner Seele war und dass er im Grunde so war wie ich. Er unterbrach meine Gedanken: „Vielleicht sollte ich doch besser gehen – ich weiß nicht ob ich dir das alles erzählen sollte. Ich weiß gar nicht so recht, was ich hier eigentlich mache. Das ist sonst nicht meine Art, tut mir leid.“ Bevor ich antworten konnte, legte er die Knöpfe auf meine Theke und verschwand wieder aus meiner Knopfwelt. So schnell wie er in mein Leben getreten war, lief er nun wieder weg – nicht nur vor mir, sondern mehr noch vor sich selbst. Er hatte einfach zu viel Angst vor dem was er war und vor dem was tief verborgen in den Seelen der Menschen nun mal schlummert. Aber er hatte etwas vergessen – seine auffälligen Kopfhörer, die mehr über ihn verraten mochten, als ihm vielleicht lieb war. Zusammen mit seinem MP3-Player hatte er sie auf das kleine Tischchen neben der Tür abgelegt.

play

Noch etwas benommen von seinem schnellen Verschwinden, ließ ich mich damit in meinen Sessel fallen und setzte mir die Kopfhörer auf. Play. Ich schloss die Augen. Die Musik war schön und melancholisch zugleich. Sie handelte von Freiheit und dem Loslassen, was einem manchmal so schwer fällt. Aber ich ließ los und genoss die Musik und in dem Moment wusste ich: er würde wiederkommen und dann, ja dann konnte ich ihm meine Geschichte endlich erzählen.

Tatsächlich hatte ich Recht behalten und nach nur 3 Tagen trafen wir wieder aufeinander. Aber dass es solche Umstände sein würden, damit hatte ich nicht gerechnet. Es war nachmittags und langsam schlich sich die Dämmerung an das Himmelszelt, da flog meine Ladentür mit einem heftigen Schwung auf und er stand mir wieder gegenüber. Sein Gesicht hatte einen völlig verschreckten Blick und er keuchte außer Atem: „Ich muss hier weg! Ich habe den falschen Leuten meine Geschichte verraten. Ich hätte dir alles erzählen müssen, ich war so dumm, ich...“ „Jetzt beruhig dich erstmal.“ erwiderte ich. „Nein, nein..“ er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen. „WIR müssen hier weg, pack schnell dein wichtigsten Sachen – bitte vertrau mir, wir können nur zusammen gegen DIE ankommen!“ „Wer sind DIE? Und was habe ich mit all dem zu tun?“ hakte ich nach. „Das erzähle ich dir später, bitte vertrau mir. Bitte.“ sein Blick war nervös und huschte ständig zur Ladentür. „Es sind Mustermenschen hinter uns her, aber welche der ganz üblen Sorte, die du dir kaum vorstellen kannst und nur du kannst mir helfen, denn du bist...“ weiter kam er nicht. Es schepperte erneut an der Tür und was jetzt in meinem verspielten Holzrahmen stand, erschütterte mich zutiefst. Ich hatte noch nie ein menschliches Etwas in dieser Art und Weise gesehen – mir stockte der Atem und ich bekam Gänsehaut...

Auf der Flucht vor den Mustermenschen

Die Mustermenschen im Türrahmen hatten graue Haare, ein graues, langes Gewand an und – das war das Beängstigende – graue Augen. Tiefe Falten und Kerben rahmten ihre Gesichter, selbst ihre Haut war grau – grau, grau, grau – alles so entsetzlich grau! Ein extremer Kontrast zu meiner Knopfwelt und ein verhasster noch dazu. „Wir müssen schnell reagieren.“ rief der Junge. Ich fragte mich nur wie? Denn fünf hoch gewachsene, gruselige Männer blockierten die Tür. Ich hatte das Gefühl sie versperrten nicht nur den Ausgang, sondern auch meine Gedanken und mein Reaktionsvermögen, das hatte diesmal nichts mit meiner Verträumtheit zu tun. Diese Menschen – wenn sie denn überhaupt welche waren – versprühten eine raumfüllende Kühle, die mich keinen klaren, kreativen Fluchtgedanken fassen ließ. Langsam blickte ich nach hinten, dort hin wo der Junge gestanden hatte. Aber was er als Reagieren interpretierte, ließ mich zweifeln, dass wir jemals entkommen würden. Ich zweifelte gerade an allem und jetzt wusste ich welche Kälte diese Mustermänner verbreiteten: es war Hass. Kein normaler Hass, wie man ihn kennt, sondern ekelhafte Abscheu gegen alles Schöne, gegen Knöpfe und gegen diese Welt. Es waren abgestumpfte Männer ohne Seelen, die irgendwie einen Weg in unsere Welt gefunden hatten. Nun wollten sie wohl alles Bunte aus der Erde saugen. Das wurde mir schlagartig klar, aber ich verstand nicht, warum sie gerade bei mir damit anfingen?

All das stürzte mich in eine tiefe Verzweiflung, ließ mich erstarren und pustete alle bunten Knopfgedanken aus meinem Kopf. Ich wollte nur noch weinen, wegrennen – aber ich konnte nicht. Und was machte meine Bekanntschaft in dieser Zeit? Er war zu meinem nostalgischen Telefon mit der rustikalen Wählscheibe gehechtet und schien in aller Seelenruhe telefonieren zu wollen. Dachte er wirklich die Polizei könnte uns jetzt helfen? Selbst ich spürte, dass diese Staatsgewalt nichts gegen die Männer anrichten könnte. Ich wollte nicht, dass das letzte Gespräch auf meinem Telefon ein solches war. Schließlich war auch dieses Telefon ein Stück Flucht aus der Realität. Ich hatte es auf einem Flohmarkt in unserer Straße erstanden. Es stammt aus Zeiten, in denen ein Telefonat noch ein kleines Wunder war.

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Es war aus Holz, in einem warmen Braun mit stoffumwickelten Kabeln, hatte eine bronzefarbene Wählscheibe, trompetenförmige Hörermuscheln und stellte im Gegensatz zu den heutigen Telefonen kein Mittel zum Zweck dar. Es war viel mehr ein Schmuckstück, MEIN Schmuckstück, das mich bei jedem Telefonat in frühere Zeiten versetzte. Deswegen rief ich ein schroffes „Nein!“ zu dem Unbekannten hinüber. „Vertrau mir doch endlich und hör einfach zu!“ entgegnete er mir. Was ich dann vernahm, verwunderte mich. Es flüsterte „Knopfgeflüster“ aus dem Hörer. Genau in dem Moment traten die Mustermenschen gespenstig langsam über die Türschwelle. Was danach alles passierte, konnte ich kaum fassen. Alles geschah in einem Moment, fühlte sich aber trotzdem wie eine Ewigkeit an und war selbst für einen eingefleischten Realitätsfremden wie mich völlig unglaublich.

Sobald nun also die Mustermänner die Türschwelle überschritten, bebte der Türrahmen und auch mein Laden wurde erschüttert. Mir wurde es noch kälter ums Herz und die Verzweiflung erdrückte mich fast. Ich fühlte mich so einsam und alles um mich herum war grau und sinnlos. Im gleichen Moment erstrahlte aber mein gold umrahmter Spiegel heller als je zuvor. Es schien als hätte sich seine Oberfläche in glänzendes Wasser gewandelt. Auch der rubinrote Teppich, der zum Spiegel führte, schien nun aus rotem, strahlendem Wasser zu sein. Im nächsten Moment vernahm ich wieder die Stimme des Unbekannten: „Wir brauchen Verstärkung – stell sofort deine Kleiderpuppen auf den Teppich!!“ „Wie bitte?“ entgegnete ich. „Was sollte das denn bringen?“ – „Ich dachte du hast Phantasie oder bist du doch ein Mustermensch, der sich nur mit einer phantasievollen Hülle schmückt?“ Diese Antwort seinerseits hatte gesessen, ich packte die Kleiderpuppen und stellte sie auf die wasserähnliche Oberfläche des Teppichs. Ich erwartete, dass sie darin versinken würden. Aber das war nicht der Fall – im Gegenteil, sie fingen an sich zu bewegen. Sie schüttelten sich, als ob sie aus einem langen Schlaf erwacht waren. Kaum hatte ich mich versehen, wurden sie lebendig. In dem Moment nahm der Junge meine Hand und sagte zu mir: „Halt mich ganz fest. Wir brauchen Anlauf, dieser Weg aus der Realität wurde schon seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt, es kann also schwierig werden. Aber vertrau mir und renn mit mir zusammen los!“ Zum Fragen stellen war ich zu perplex.

Wir nahmen also Anlauf und glitten auf der Teppichoberfläche in Richtung Spiegel. Die Mustermänner wurden schneller und wollten uns folgen. Jeder Schritt von ihnen ließ meinen schönen Laden erbeben und meine geliebten Knöpfe fielen aus den Schränken. Es schien als ob es Knöpfe regnen würde. Das machte den Mustermännern zum Glück etwas zu schaffen, es wirkte als hätten sie Angst vor dem bunten Knopfregen. Aber noch besser schlugen sich meine Kleiderpuppen. Zum Leben erwacht, traten sie mit ihren Ständern gegen die Schienenbeine der Mustermänner und sahen dabei auch noch gut aus. Besonders meine Kleiderpuppe mit dem gepunkteten Kleid war in Hochform und wickelte ihre Satinschleife gleich um die Beine von zwei Mustermenschen, die natürlich ordentlich ins Stolpern gerieten. Mehr konnte ich von dem ganzen Tohuwabohu nicht wahrnehmen, denn als wir die Oberfläche des Spiegels berührten, verschwanden wir auch gleich darin.

Hinter dem Spiegel befand sich eine bizarre Wirklichkeit – es sah aus als wären wir noch immer in meinem Laden. Aber die Welt erschien nicht in ihren natürlichen, satten Farben, sondern in Pastelltönen. Alles war viel matter als zuvor – wie ein ausgeblichenes, altes Bild. Im Laden standen zwei Stühle auf dem rubinroten Teppich vor dem Spiegel. An ihnen waren quietschgelbe Luftballons befestigt, die mich gleich an die gelben Kopfhörer des Jungens erinnerten und sich von den matten Farben wunderbar abhoben. Ich hatte also Recht, diese Kopfhörer hatten vielmehr über ihn verraten als er gedacht hätte. Aber dass er in diesem Sinne die Realität hinter sich lassen konnte, hätte ich nie gedacht. „Wir müssen uns auf die Stühle setzen!“ meinte er. „Erst dann sind wir in Sicherheit.“ Ich war noch immer sprachlos, also nahm ich Platz. In diesem Moment begannen auch die Stühle sich zu schütteln. Das machte mir schon ein wenig Angst, wenn ich daran dachte was für eine Kraft meine Kleiderpuppen entwickelt hatten. Doch unsere Stühle warfen uns zum Glück nicht ab und versetzen uns auch keine Tritte. Sie ließen ein zartes Wiehern verkünden und die Luftballons zogen uns nach oben. Durch die Decke meines Ladens konnten wir in dieser bizarren Welt hindurch gleiten. Die nette, alte Dame, die ihre Wohnung über meinem Laden hatte, saß gerade an ihrem Kaffeetischchen und trank einen Tee, als wir an ihr vorbeischwebten. Ich war mir nicht sicher, ob sie uns sehen konnte. Denn noch immer wirkte alles wie ein surreales Abbild der Wirklichkeit. Aber ich bildete mir ein, dass sie kurz in unsere Richtung blinzelte – doch dann trank sie weiter ihren Tee, als ob nichts gewesen wäre.

So schwebten wir an der gesamten Nachbarschaft vorbei, bis wir endlich über dem Dach des Hauses waren. Die Ballons versprühten während unserer Fahrt lauter kleine Knöpfe über den stahlblauen Himmel. Der sanfte Wind trug uns Richtung Osten und der Junge holte eine Spraydose aus seiner Jackentasche. Als er auf das Ventil drückte, kamen daraus lauter kleine Blumen geflogen. Wahrscheinlich markierte er uns so den Weg – vielleicht mussten wir irgendwann wieder zurück in die Realität. Ich wusste es nicht, aber ich war so benommen von dieser Reise, dass ich keine Fragen mehr stellte. Außerdem hatte auch er es damals wortlos hingenommen, als ich im Bus Knöpfe an mein Shirt nähte. Und wahrscheinlich war das alles hier, in der Welt hinter dem Spiegel, das Normalste überhaupt.

Schleife

Einige Blumen aus der Spraydose wollten nicht an ihrem Platz im Himmel bleiben, folgten uns und bildeten schließlich eine wundervolle Schleife an meinem Knopfstein-Shirt. Es war wunderschön und ich fühlte mich so frei wie lange nicht mehr. Ich fragte mich, wo wir landen würden und was uns dort erwartete. Besonders gespannt war ich auf die Geschichte des Jungens, dessen Namen ich noch immer nicht kannte. Mitten in meinen Gedanken merkte ich erst nicht, dass die Stühle wieder zu rütteln begannen. Was jetzt wohl passieren würde?

Wie die KnopfGeschichte weitergeht, erfährst du anhand unserer nächsten Kollektion.

Quelle: http://knopfsteinpflaster.de/Lenas_Geschichte

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